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Die Cover-Bilder der Gwailor-Chronik

Es gibt nur wenige, dafür aber umso bedeutsamere Regeln, die man beachten muss, wenn man für einen Roman ein Cover entwirft. Eine davon lautet: Das Coverbild muss eine Geschichte erzählen. Wenn beim Betrachten des Covers in der Fantasie des (noch zukünftigen und im Augenblick lediglich potenziellen) Lesers bereits zu diesem frühen Zeitpunkt das viel bemühte „Kopfkino“ angeworfen wird und Assoziationen zu Geschichten und Figuren geweckt werden, die er vielleicht schon seit vielen Jahren aus Literatur, Film und Fernsehen kennt, wird er – so die Hoffnung von Autoren und Verlagen – neugierig auf den Roman, der sich hinter diesem Cover verbirgt.

Bei der Auswahl des Covermotivs stellen sich also zwei wichtige Aufgaben (und an beiden kann man sowohl als Selfpublisher-Autor als auch als Verlag spektakulär scheitern): Zum einen darf das Coverbild nicht nichtssagend sein, und zum anderen muss es – wenn es ihm denn gelingt, eine Geschichte zu erzählen – auch die richtige Geschichte erzählen. Beides klingt banal, ist es aber ganz und gar nicht. Das liegt zum großen Teil daran, dass jeder Leser, der in Buchhandlungen oder im Online-Shop auf die Suche nach einem neuen Roman geht, von bestimmten Erwartungen geleitet wird.

Diese Erwartungen betreffen zunächst ganz grundsätzlich das Genre, in dem er gerne Geschichten liest. Ein Fantasy-Leser mag zwar vielleicht Geschichten mit Magie und Zauberei, findet aber möglicherweise Horror-Romane mit finsterer Hexerei, Dämonen und (sehr viel) Blut absolut furchtbar und würde sie nicht einmal mit der Kneifzange anrühren. Auch ein Liebhaber von locker-leichten Liebesromanen könnte durchaus irritiert sein, wenn sich im Verlauf der Handlung herausstellen würde, dass der etwas verruchte und gefährlich wirkende bad guy in Wahrheit tatsächlich ein Vampir ist.

Eine der wichtigsten Aufgaben von Buchcovern ist es daher, den Erwartungsscheinwerfer des Lesers, den dieser (oft unbewusst) durch die Buchhandlung wandern lässt, mit ihren Motiven zunächst einmal überhaupt auf sich aufmerksam zu machen und ihn zugleich in die richtige Richtung zu lenken, d.h. in die Richtung, die ihm das sichere Gefühl gibt, dass der Roman, den er gerade betrachtet, einfach „zu ihm passt“ und seine Erwartungen nicht enttäuschen wird. Was für ein bestimmtes Genre gilt, das ein Leser bereits mit dem ersten Blick auf ein Buchcover zweifelsfrei identifizieren können sollte, gilt nicht minder für die Art der Geschichte, die in diesem speziellen Genre angesiedelt ist. Auch hier wäre es fatal, wenn ein Autor oder Verlag denken würde: „Ach, was soll’s. Ein Science-Fiction-Roman ist doch eh wie der andere, und Fantasy ist Fantasy. Mit einem coolen Raumschiff oder einem laserpistolenschwingenden Han Solo-Verschnitt wird sich der Roman schon verkaufen, ganz egal, worum es in der Geschichte geht. Und wenn man bei einem Fantasy-Roman einen feuerspeienden Drachen oder einen muskelbepackten Barbaren samt knapp beschürzter Jungfrau aufs Cover pinnt, sollte das die Fantasy-Leser doch ansprechen, oder?“

Ein solches Vorgehen kann natürlich nicht funktionieren (oder nur durch Zufall), da in jedem Genre so viele vollkommen unterschiedliche Spielarten von Geschichten existieren, wie es Genres generell gibt, und jeder Leser, selbst wenn er ein bestimmtes Genre favorisiert, hier seine ganz persönlichen Vorlieben hat. Diesem Aspekt nun (um einen Bogen zu den beiden Covermotiven der Gwailor-Chronik zu schlagen) hatte ich bei meiner damaligen Verlagsveröffentlichung nicht genug Beachtung geschenkt, und ich bin daher sehr froh, dass die beiden Bände im Zuge meiner eigenen Neuveröffentlichung als Selfpublisher endlich neue Coverbilder erhalten haben. Ich bedaure, dass ich die zwei alten Verlagscover hier nicht als Illustration zu Vergleichszwecken den beiden neuen Covern gegenüberstellen kann, aber da ich mit dem Auslaufen meines Autorenvertrages auch die Veröffentlichungsrechte an den Coverbildern verloren habe, ist das leider nicht möglich.

Beide damaligen Verlagscover hatten als Motiv eine Figur, die in ihrem Aussehen von nicht nur einem Leser bzw. einer Leserin als „dämonisch“ bezeichnet wurde, und mehr als einmal habe ich zu hören bekommen, dass weder das Coverbild des ersten noch das des zweiten Bandes der Gwailor-Chronik irgendetwas mit der Geschichte zu tun habe, um die es in den Romanen geht. Noch klarer hatten es damals einige (durchweg weibliche) Rezensenten ausgedrückt, die meinten, wenn sie nur allein anhand der Covermotive hätten entscheiden müssen, hätten sie die Gwailor-Chronik nicht gelesen.

Das war für mich eine zwar schockierende (da ich die Motive für die Cover selbst hatte aussuchen dürfen und der Verlag mir diesbezüglich freie Hand gelassen hatte), aber zugleich auch äußerst lehrreiche Erfahrung, die mir nun, da ich völlig unabhängig von einem Verlag meine Romane in Eigenregie veröffentliche, wertvolle Dienste leistet. Rückblickend ist mir deutlich bewusst, welchen Fehler ich bei der Auswahl der damaligen Covermotive gemacht habe. Ich war nämlich schlicht zu sehr von mir selbst ausgegangen, ohne dabei die Genreerwartungen meiner Leser im Blick zu haben, und ich hatte auch zu wenig darauf geachtet, was für eine Art von Geschichte die beiden Bilder auf den Covern überhaupt erzählen.

Ich selbst fand, dass beide Bilder sehr gut zur Geschichte gepasst haben, allerdings auch nur deshalb, weil ich sehr stark meine eigenen Deutungen in das jeweilige Motiv hineinprojiziert habe. Hauptfigur der Gwailor-Chronik ist ja Prinz Dayin, dem bei seiner Geburt die schreckliche Prophezeiung gemacht wird, dass er als junger Erwachsener seinen Vater, den König, hinterrücks ermorden wird. Dayin ist nun – ganz im Gegensatz zum grimmigen Inhalt der Prophezeiung – ein herzensguter Bub, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde. Irgendetwas auch nur entfernt Dämonisches (wie es die Coverbilder suggerierten) ließ sich bei ihm wahrhaftig nicht entdecken.

Das allerdings hatte ich bei der Wahl der Bilder auch gar nicht im Sinn gehabt. Für mich hatten beide Motive eine rein symbolische Bedeutung. Das erste sollte sinnbildlich für die Schrecken und die Düsternis stehen, die – vollkommen ohne eigenes Verschulden – über den armen Dayin gekommen waren. Das zweite – nicht weniger dämonisch – sollte Dayins Bruder Gerrent symbolisieren (wohlgemerkt symbolisieren, nicht konkret abbilden), dessen Persönlichkeitsentwicklung durch die Prophezeiung ebenfalls massiv beeinflusst wurde (wenn auch in eine andere Richtung als bei Dayin).

Was ich damals überhaupt nicht realisierte, war, dass natürlich keiner der potenziellen Käufer der Gwailor-Chronik von meinen persönlichen und sehr subjektiven Deutungen der beiden Covermotive auch nur das Geringste ahnte. Sie sahen lediglich zwei Cover mit zwei durchaus furchteinflößenden, dämonisch wirkenden Figuren, und die Geschichte, die diese Figuren in den Augen der Leser erzählt haben, war nicht einmal im Ansatz die, um die es zwischen den Buchdeckeln in Wirklichkeit ging (und – was noch viel schlimmer war – es war nicht die Art von Geschichte, die sie bei Fantasy-Romanen mochten).

Die Lehre, die ich aus dem damaligen Cover-Debakel für die Zukunft gewonnen habe, ist, dass ich mittlerweile sehr genau darauf achte, dass die Coverbilder meiner Romane das typische Feeling zum Ausdruck bringen, das in der jeweiligen Geschichte herrscht, und dass die Art der Geschichte, die die Bilder erzählen, zur Genre-Erwartung meiner Leser passt. Die beiden Motive, die ich für die Neuveröffentlichung der Gwailor-Chronik ausgewählt habe, erzählen auf jeden Fall eine völlig andere Geschichte als die beiden alten, die, wie ich finde, nun sehr viel besser der Handlung und den Figuren entspricht (um das Kopfkino meiner Leser nicht zu beeinflussen, verzichte ich an dieser Stelle auf eine umfangreiche Beschreibung, welche Assoziationen der Anblick der beiden neuen Covermotive in mir auslöst und in welche Richtung mein eigenes Kopfkino angeworfen wird. Ich wäre aber sehr neugierig auf entsprechende Rückmeldungen).

Und so sage ich den beiden alten, „dämonischen“ Covern der Gwailor-Chronik nun mit einem weinenden und gefühlten 195 lachenden Augen endgültig Lebewohl und freue mich auf eine Zukunft, in der die Geschichte um Prinz Dayin und Prinzessin Lilell beim Blick auf die Buchcover bei den interessierten Lesern endlich keinen Schauder des Entsetzens mehr auslöst und ihnen das Gefühl vermittelt, unversehens in die nächste „Walking Dead“-Folge hineingestolpert zu sein. Das würde Dayin und Lilell nämlich ganz entschieden Unrecht tun!

Über Prophezeiungen und Protagonisten

Die Prophezeiung ist ohne Zweifel ein äußerst beliebtes Element in der Fantasy-Literatur. Die Art, wie sie von vielen Autoren in ihren Geschichten verwendet wird, folgt dabei oft einem ganz bestimmten Muster, das sich – auch wenn es dort letztlich keine ursächliche Prophezeiung gegeben hat – bis zu Tolkiens „Herr der Ringe“ zurückverfolgen lässt. In der Regel wird der Hauptfigur durch einen Seher, eine geheimnisvolle Schriftrolle aus uralter Zeit oder einen sonstigen kryptischen Umstand kund getan, dass allein sie vom Schicksal oder den Göttern auserkoren worden sei, das aus äonenlangem Schlummer wiedererwachte Böse endgültig niederzuringen und der Menschheit ein neues Zeitalter des Lichts zu schenken. Dummerweise ist diese finstere Bedrohung, die sich gerade anschickt, von Neuem ihre gierigen Tentakel nach den Menschen auszustrecken, nicht an der nächsten Straßenecke zu finden, sondern – wie könnte es anders sein – am anderen Ende der Welt. Was nun getan werden muss, ist klar.

Der Kern dieser Geschichten ist im Grunde weniger die Prophezeiung selbst – die lediglich den Startschuss liefert und den Helden motiviert, sich überhaupt in Bewegung zu setzen -, sondern die Reise, die der Protagonist antreten muss, um zu seinem vom Orakel geweissagten Bestimmungsort zu gelangen. Auf dieser Reise – die er oft zusammen mit einer ganzen Gruppe wagemutiger Abenteurer unternimmt – müssen viele Gefahren gemeistert werden, Überfälle von Räubern, Monstern aller Art und der Kampf gegen eine unwirtliche Natur sind an der Tagesordnung, bis der Held schließlich seiner von der Prophezeiung bereits zu Beginn festgelegten Nemesis gegenübersteht.

Bei all diesen Abenteuern und Hindernissen, die sich dem Protagonisten in den Weg stellen, bleibt die Prophezeiung als solche jedoch meist etwas Fernes und Äußerliches für ihn, das für seine Persönlichkeit nicht viel mehr Bedeutung hat als irgendeine unangenehme Aufgabe, die ihm von oben aufs Auge gedrückt wurde und die er nun mehr oder weniger Zähne knirschend abarbeiten muss. Wenn sich die Hauptfigur im Verlauf der Handlung verändert, dann geschieht dies mehr durch eine Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten auf dem Weg zum prophezeiten Endkampf als durch die Existenz der Prophezeiung selbst, und man hat als Leser oft das Gefühl, dass die Geschichte mit einem anderen Protagonisten genauso gut funktioniert hätte und es letztlich gleichgültig war, wer nun am Ende die Prophezeiung erfüllt.

Diese Art von Geschichten hat mich nie wirklich gefesselt. Als Autor hat mich mehr die Frage fasziniert, wie es ist, wenn eine Figur eine Prophezeiung nicht bloß als lästige Pflicht empfindet, die sie in eine Reihe zwar unterhaltsamer, am Ende aber mehr oder weniger beliebiger und austauschbarer Abenteuer zwingt, sondern wenn diese Figur durch die Prophezeiung im Kern ihres gesamten Wesens verändert wird. Dieser Frage bin ich – in jeweils unterschiedlicher Ausrichtung – sowohl in „Shaans Bürde“ als auch in der „Gwailor-Chronik“ nachgegangen. Zwar wird auch Shaan und Dayin ihre Prophezeiung von einer äußeren Macht übergestülpt, ohne dass sie dabei eine Wahl oder Einflussmöglichkeiten gehabt hätten, doch geschieht dies auf eine Weise, die ihre jeweilige Persönlichkeit einer fundamentalen Veränderung unterwirft. Die Prophezeiung wird hier zu einem geradezu intimen Bestandteil ihres Charakters und ihres Lebens, der ihr gesamtes Denken, Fühlen und Handeln von Geburt an beherrscht und allen ihren Erfahrungen eine bestimmte Färbung und Signatur verleiht. Weder für Shaan, der durch die Erziehung seines verbitterten und hasserfüllten Vaters seelisch beinahe gebrochen worden ist, noch für Dayin, der bereits als Kind daran zweifelt, ob nicht ein kaltblütiger Mörder in ihm steckt, ist die Prophezeiung, die sie gefangen hält, etwas Äußeres. Sie werden gezwungen, mit ihrem gesamten Sein eine Antwort darauf zu finden, und bei beiden ist es nicht damit getan, die Prophezeiung lediglich zu erfüllen oder ihr Eintreffen zu verhindern, denn egal ob sie am Ende scheitern oder erfolgreich sind, so werden sie doch niemals wissen, was sie für ein Mensch hätten werden können, wenn es die Worte der Seherin oder den verborgenen Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen nicht gegeben hätte. Die Prophezeiungen haben sie dauerhaft und unwiderruflich traumatisiert, und mit diesen Traumatisierungen müssen sie jeden Tag aufs Neue umgehen, und das, lange bevor und nachdem sie am Ende ihrer Geschichten ihre jeweilige persönliche Begegnung mit dem Schicksal erleben.

Das ist eine Sichtweise, die mich als Autor viel mehr interessiert als unzählige Heldenreisen kreuz und quer durch die Welt, die oft tausende von Buchseiten füllen – der Blick auf das, was eine Prophezeiung in der Seele einer Figur anrichtet und was für Konsequenzen dies für ihr Leben hat, statt farbenfrohe Abenteuer, bei denen die Prophezeiung lediglich ein mehr oder weniger plausibles Alibi für den Protagonisten ist, durch die Gegend zu ziehen und dabei ordentlich auf den Putz zu hauen. Auch das kann seinen Reiz haben und Spaß machen, mein persönlicher Zugang als Autor zu diesem Thema wird jedoch immer ein anderer sein.

Über Prophezeiungen

Mit Prophezeiungen ist es wie mit Schrödingers Katze – solange man nicht hineinschaut, weiß man nie, was in der Kiste ist. Wird einem ein langes und glückliches Leben vorausgesagt, oder lauert der Tod bereits hinter der nächsten Ecke? Die Antwort auf diese Fragen hat die Menschen von je her fasziniert, und viele Propheten und Zukunftsseher haben versucht, mit der Kraft ihrer visionären Gabe einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und dem Mysterium der Zeit ein paar seiner Geheimnisse zu entlocken – oder es zumindest behauptet.

Sei es das berühmte Orakel von Delphi, dessen schrecklicher Prophezeiung ein junger Mann namens Ödipus verzweifelt zu entfliehen versucht (was ihm am Ende, wie wir alle wissen, eher weniger gut gelingt), oder die kryptischen Visionen eines Nostradamus, deren Deutung viele Gelehrte bis heute beschäftigt – immer geht es darum, ein Licht zu entzünden und den Weg zu erhellen, der vor einem in die Dunkelheit führt, um vielleicht auf diese Weise einigen seiner Gefahren und Fallstricke entgehen zu können, die den unwissenden Wanderer ansonsten unwiderruflich zu Boden gestreckt hätten.

Doch mit jeder Prophezeiung, egal wie behutsam oder mit wie viel Absolutheitsanspruch sie auch verkündet werden mag, ist untrennbar verbunden die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Erblickt der Prophet eine Zukunft, in der die Ereignisse, die einem Menschen widerfahren, bereits seit dem Moment seiner Geburt wie die Schauspieler in einem Theaterstück darauf warten, zum richtigen Zeitpunkt hinaus auf die Bühne zu treten, oder werden durch die Prophezeiung die Weichen gestellt, die diese Ereignisse überhaupt erst möglich machen? Denn ist eine Prophezeiung erst einmal ausgesprochen, wird sie zu einem Teil des Lebens eines Menschen, und er wird gezwungen, in irgendeiner Form darauf zu reagieren. Was er aber auch immer damit zu tun gedenkt – ob er sie in den hintersten Winkel seines Bewusstseins verbannt oder all seine Kraft darin investiert, sie zu verhindern oder Wirklichkeit werden zu lassen - , eines kann er nicht vermeiden: Die Worte des Sehers oder Orakels haben ihn verändert, haben sein Denken, Fühlen und Handeln auf eine Weise beeinflusst, die etwas Neues in sein Leben gebracht hat, was es ohne sie niemals gegeben hätte. Nicht umsonst gibt es in der Psychologie den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung. In seinem verzweifelten Bemühen, einem prophezeiten Unfall zu entgehen, führt ein Mensch durch seine panischen Aktivitäten genau diesen Unfall erst herbei. Was aber war letztlich die Ursache und was die Folge?

Diese Frage berührt einen weiteren Aspekt, der eng mit Prophezeiungen jeder Art verknüpft ist, nämlich das Thema der Willensfreiheit und des Determinismus. Steht das Schicksal eines Menschen bereits von Beginn an unverrückbar fest und arbeitet er die Ereignisse, die ihm auf seinem Lebensweg begegnen, in der Rolle eines letztlich passiven Zuschauers lediglich Schritt für Schritt ab, ohne sie jedoch selbst verändern oder ihnen ausweichen zu können, oder ist jeder selbst seines Glückes Schmied, und einzig die eigene Persönlichkeit und die eigenen Anstrengungen entscheiden darüber, was aus dem unendlichen Feld der Möglichkeiten schließlich Realität wird? Oder sind die Ereignisse als solche zwar vorbestimmt, können aber beeinflusst oder ganz verhindert werden, sobald man um ihr Eintreten in der Zukunft weiß? In einem solchen Fall würden Determinismus und Willensfreiheit Hand in Hand gehen, und die Prophezeiung würde von einem unbarmherzigen Richtspruch der Götter oder des Universums zu einem Werkzeug, das, auf die richtige Weise benutzt, viel Gutes bewirken könnte.

Was aber geschieht, wenn das Eintreffen einer Prophezeiung zwar abgewendet werden kann, die Persönlichkeit des Menschen, dem das Ereignis vorausgesagt wurde, dadurch jedoch in seinen und den Augen aller anderen in einem so verabscheuungswürdigen Licht erscheint, dass sein Leben trotzdem dauerhaft beeinträchtigt ist? So ergeht es Dayin, dem Protagonisten der Gwailor-Chronik, dem bei seiner Geburt geweissagt wird, er werde seinen Vater, den König, als junger Mann heimtückisch ermorden. Eine solche Prophezeiung – gleichgültig, ob sie nun eintritt oder nicht – sagt etwas derart Fundamentales über den Charakter des Menschen aus, der zu einer solchen Heimtücke in der Zukunft fähig sein wird, dass mit dem Abwenden des schrecklichen Ereignisses die Probleme noch lange nicht aufhören. Die Eltern eines solchen Kindes müssen von nun an mit dem Gefühl leben, einen potenziellen Mörder heranwachsen zu sehen, der zusammen mit ihnen unter einem Dach wohnt. Die psychologischen Konsequenzen eines derartigen Wissens sind überhaupt nicht absehbar, in jedem Fall aber für die Beziehung zwischen Eltern und Kind verheerend. Hinzu kommt, dass auch das Kind kaum eine andere Möglichkeit besitzt, als sich dieses Bild, das alle anderen in seiner Umwelt von ihm haben, ebenfalls zu eigen zu machen, vor allem, wenn es in einem Alter damit konfrontiert wird, in dem es darauf angewiesen ist, seine eigene Identität in den Augen seiner Eltern gespiegelt und bestätigt zu sehen.

Die Frage ist, ob es einem Menschen unter diesen Bedingungen überhaupt gelingen kann, ein Gefühl für sich selbst und seine individuelle Wesensart zu entwickeln und gegen die machtvolle Fremddefinition einer Prophezeiung aufrecht zu erhalten, die keinen Zweifel daran lässt, dass er irgendwann zu einem Mörder geworden wäre, auch wenn er im Moment noch selig mit seiner Mutter die Entenküken füttert. Dieses Ringen um Identität und der Kampf gegen Selbstzweifel und innere Zerrissenheit sind das Thema der Geschichte um Prinz Dayin und Prinzessin Lilell. Es ist eine Geschichte, in der die Seherinnen der beiden Königreiche Gwailors über eine absolute und nahezu göttergleiche Macht verfügen, die weder Bauer noch König jemals in Frage stellen. Wie es ist, in eine solche Welt hineingeboren zu werden, in der der Einfluss von Prophezeiungen auf das Leben der Menschen so allgegenwärtig wie bestimmend ist, und dabei trotzdem seine eigene Persönlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren, war die Frage, die mich beim Schreiben der Gwailor-Chronik am meisten fasziniert hat.

Susanne Gavénis

Susanne Gavénis

Wenn Sie mehr über mich erfahren möchten, erzähle ich Ihnen gern von meinem Leben, und warum ich schreibe. Natürlich können Sie auch Kontakt mit mir aufnehmen. Vielen Dank.