INI_Logo_kleinNa, das war ja mal eine Erfahrung der etwas bizarreren Art! Gestern habe ich in einer Anthologie eine Kurzgeschichte gelesen, bei der ich mich am Ende mehr als nur ein wenig verkohlt gefühlt habe. Der Protagonist macht in einem Restaurant die Bekanntschaft eines Mannes, der ihm unaufgefordert seine banale Lebensgeschichte erzählt. Diese Lebensgeschichte dreht sich darum, wie dieser Mann seine kostbare Lebenszeit mit einer Frau verplempert, die ihn dann absägt und mit dem Gefühl zurücklässt, zwei Jahre seines Lebens vergeudet zu haben. Während des Gesprächs im Restaurant geht der Kerl dem Protagonisten zunehmend auf den Senkel, dieser will aber trotzdem wissen, wie die Geschichte weitergeht, und kommt am Ende zu dem (wenig überraschenden) Schluss, dass er doch besser hätte gehen sollen, weil die Erzählung einfach zu langweilig war. Draußen vor dem Restaurant hat er dann die tiefe Erleuchtung, dass man genau achtgeben sollte, von wem man sich seine Zeit stehlen lässt, weil das Leben einfach zu kurz ist, um es mit Banalitäten zu verschwenden. Danach geht er schnurstracks in ein anderes Restaurant und fängt an, unaufgefordert einem der Gäste zu erzählen, was er gerade Langweiliges erlebt hat. Ende der Geschichte.

Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich, nachdem ich die Lektüre beendet hatte, einem ebensolchen Zeitdieb aufgesessen bin wie die Figuren in der Geschichte und von dem Autor gerade aufs Vortrefflichste vorgeführt wurde. Die ganze Geschichte war offensichtlich angelegt wie ein Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt, bei dem der Leser zu einem Teil der Spiegelungen wird. Nicht schlecht gemacht, da ich aber ohnehin ein Mensch bin, der sich genau überlegen muss, was er mit seiner knappen Zeit anfängt, hätte ich eine solche Belehrung nicht gebraucht. Das Einzige, was ich aus dieser Geschichte mitgenommen habe, ist die Erfahrung, dass ich ebenfalls eine Stunde meiner Lebenszeit verplempert habe, indem ich mich gezwungen habe, die Geschichte bis zum Ende zu lesen, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Super!
21.10.2014 um 20:00 von Susanne Gavénis
Kategorie: Rund um Geschichten