Die große Frage, was eine gelingende von einer gescheiterten oder gestörten Kommunikation unterscheidet, ist auch unmittelbar für jeden Autor relevant, der seine Geschichten nicht nur mit hübschen Landschaftsbeschreibungen schmücken will. Wie kann es passieren, dass ein Gespräch, bei dem vielleicht jeder der Beteiligten die allerbesten Absichten hat, manchmal binnen Sekunden komplett aus dem Ruder läuft und aufs Heftigste eskaliert, und wie kann man diese Erkenntnisse für seine eigenen Romanfiguren nutzen? Dieses Problem ist komplex und vielschichtig, und ich werde mich ihm aus unterschiedlichen Richtungen zu nähern versuchen.

Was man sich oft weder als Autor beim Schreiben seiner Szenen noch als realer Mensch im Umgang mit anderen realen Menschen klar macht, ist die fundamentale Tatsache, dass eine Kommunikation (also ein Dialog im weitesten Sinne) letztlich bereits beginnt, sobald eine Person einen Raum betritt, in dem sie nicht allein ist, bzw. in einer Szene zusammen mit einer oder mehreren anderen Personen auftaucht. Allein ihre körperliche Anwesenheit setzt diese Kommunikation bereits in Gang, da ihr Körper – ob sie das nun will oder nicht – eine riesige Leinwand ist, auf der ihre Persönlichkeit, ihre gegenwärtigen Wünsche und Absichten, ihre Bedürfnisse und Ängste sichtbar werden, ohne dass auch nur ein einziges gesprochenes Wort fallen müsste. Da die Sprache des Körpers viel unbewusster ist und in der menschlichen Entwicklung der Fähigkeit zum verbalen Kommunizieren deutlich vorausgeht, ist sie von zentraler Bedeutung in jeder Szene, in der zwei oder mehr Figuren miteinander interagieren, und jeder Autor sollte der Körpersprache in seinen Geschichten mindestens ebenso viel Beachtung schenken wie dem verbal geäußerten Wort.

Diese weitgehende Unbewusstheit des eigenen körpersprachlichen Ausdrucks führt dazu, dass Menschen in Situationen, in denen sich die Körpersprache und das gesprochene Wort eines Gegenübers widersprechen, ganz instinktiv und automatisch der Körpersprache das Vertrauen schenken (was einer der Gründe ist, warum viele Trickbetrüger, die gelernt haben, ihre Körpersprache bewusst und gezielt für ihre Zwecke einzusetzen, so erfolgreich sind). Wenn ein Mensch beispielsweise weint, seine Traurigkeit aber nicht zugeben will und auf eine besorgte Nachfrage stattdessen beteuert: „Mach dir keine Gedanken, mir geht’s gut!“, wird diese verbale Versicherung die Besorgnis seines Gesprächspartners vermutlich nicht zerstreuen können, da er der Wahrheit des Körpers wahrscheinlich den Vorzug vor der Wahrheit des gesprochenen Wortes geben wird. Oder wenn ein Mensch einen anderen umarmt, dieser jedoch dabei ganz starr wird und sich verkrampft, hinterher aber energisch behauptet: „Ich liebe dich!“, wird diese Liebesbekundung wohl eher wenig Begeisterung auslösen.

Dieser Kontrast zwischen Körpersprache und verbaler Sprache bietet für das Schreiben von Geschichten und die Gestaltung von Dialogen viele Möglichkeiten, die man nutzen kann, um Dialoge intensiver und konflikthafter zu machen. Zum einen kann man die Körpersprache dazu benutzen, um verbale Äußerungen seiner Figuren zu unterstreichen und sie gewissermaßen mit starken Gefühlen aufzuladen, etwa wenn eine Figur bei ihren Worten ihre Fäuste so fest ballt, dass ihre Fingernägel ihr tief in die Handballen dringen, die Stirn runzelt oder ihre Augen verengt, die Zähne fletscht, sie kampflustig das Kinn nach vorne reckt, ihre Lippen beben, sich ihre Schultern verkrampfen, ihr Gesicht maskenhaft starr wird, etc.. In solchen Fällen entsprechen sich die Körpersprache und das gesprochene Wort einer Figur, was diese Dialogstellen intensiviert und sowohl für den fiktiven Gesprächspartner als auch für den Leser in ihrer Wirkung verstärkt.

Eine andere Art von Intensivierung des Dialogs kann man erzeugen, wenn die Körpersprache und das gesprochene Wort in Widerspruch zueinander stehen, da dies unmittelbar zu einem Konflikt hinführt und Fragen für den Leser aufwirft. Warum gibt es diesen Widerspruch, was geht in diesem Moment in der betreffenden Figur vor, wie reagiert ihr Gegenüber darauf, macht er ihn offen zum Thema oder ignoriert er ihn, und was bedeutet dies wiederum für die Figur, die ursprünglich widersprüchlich kommuniziert hat? Sofort bietet sich ein vielfältiges Feld von Möglichkeiten, wie sich der Dialog anhand dieses ins Spiel gebrachten Widerspruchs konflikthaft weiterentwickeln kann, zumal dabei ja auch stets eine Widersprüchlichkeit und ein Konflikt in der Persönlichkeit der entsprechenden Figur existieren, die man als Autor nutzen kann. Jeder Mensch und jede Romanfigur, die widersprüchlich kommunizieren, werden auf alle Fälle gute Gründe dafür haben, und wenn man diese Figuren im Rahmen seiner Geschichte in Situationen hineinwirft, in denen diese Gründe zu inneren und äußeren Konflikten führen, wird der Leser davon gefesselt und will wissen, wie es mit diesen Konflikten weitergeht.

Die Körpersprache ist also für einen Autor ein hervorragendes Mittel, um durch ihren Widerspruch zum gesprochenen Wort Konflikte sichtbar zu machen, die im Inneren der Figuren existieren, und diese Konflikte zugleich in den Kontakt und die Kommunikation mit anderen Figuren hineinzutragen. Dabei gilt stets die alte Weisheit, dass man niemals nicht kommunizieren kann, da bereits Schweigen bestimmte Botschaften enthält, die andere Menschen oder Figuren wahrnehmen und mit ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren eigenen inneren Konflikten beantworten werden, ob man das mit seinem Schweigen nun gewollt hat oder nicht. Gerade das aber macht sowohl den Umgang mit realen Menschen als auch mit Romanfiguren so interessant.

 

Aufgabe: Schreiben Sie einen konflikthaften Dialog, bei dem eine der Figuren auf eine widersprüchliche Weise kommuniziert und verbale und Körpersprache nicht übereinstimmen.

  1. Schreiben Sie diesen Dialog aus der Innenperspektive der Figur, die aufgrund ihres eigenen inneren Konflikts widersprüchlich kommuniziert, während man die Reaktionen ihres Dialogpartners nur von außen wahrnimmt.

  2. Schreiben Sie den gleichen Dialog aus der Innenperspektive des Dialogpartners der Figur, die widersprüchlich kommuniziert. Wie geht dieser Dialogpartner mit den widersprüchlichen Botschaften seines Gegenübers um, welche Gedanken und Gefühle lösen sie in ihm aus, wie färben sie seine Sicht auf die andere Figur?


Ziel: Ein Gefühl für die Wirkung von inneren Konflikten einer Figur zu bekommen, die sich durch widersprüchliche Botschaften im Verhalten dieser Figur zeigen, ist eine wichtige Aufgabe für jeden Autor. Diese Wirkung umfasst sowohl die Innenperspektive derjenigen Figur, die auf eine solche Weise von inneren Konflikten und widersprüchlichen Impulsen, Absichten und Wünschen gequält wird, als auch die Figuren, die in Dialogen oder Handlung mit widersprüchlich kommunizierenden Figuren zu tun haben. Diese Übung soll dabei helfen, das Verständnis für die Gefühle, Gedanken und Reaktionen beider Seiten eines derartigen Dialogs zu vertiefen.

 
04.07.2015 um 09:10 von Susanne Gavénis
Kategorie: Artikel