Das Besondere am Konzept der vierseitigen Nachricht, das ich in meinem letzten Beitrag vorgestellt habe, ist nicht nur, dass alle vier Seiten zur gleichen Zeit an den Gesprächspartner übermittelt werden und es deshalb auf jeder von ihnen zu Fehlinterpretationen beim jeweiligen Empfänger kommen kann, sondern dass der Empfänger darüber hinaus auch die freie Wahl hat, auf welche Seite er bei seiner Antwort überhaupt reagieren will – völlig unabhängig davon, ob dem Sender der Nachricht nicht etwas gänzlich anderes wichtig war. Der Gesprächspartner kann beispielsweise bei seiner Antwort alle Seiten der Botschaft bis auf die des Selbstausdrucks ignorieren, obwohl der Sender möglicherweise das Gewicht auf die Appellseite legen wollte. So mag es ein wenig bizarr anmuten, wenn der Feldwebel beim Exerzieren mit Donnerstimme brüllt: „Gefreiter Schulze, da ist ja ein Fleck auf Ihren Stiefeln!“ und Schulze mitfühlend antwortet: „Sie Ärmster! Ihr Sauberkeitszwang muss Sie ja wirklich quälen! Aber ich kenne da einen guten Therapeuten, der hat auch meiner Tante Gertrude geholfen.“

Eine solche Verwechslung der Ebenen kann – wie so vieles andere auch – unabsichtlich geschehen, etwa aufgrund mangelnder sozialer Kompetenz, bestimmter biographisch erworbener Überzeugungen und Ängste u.a., oder sie kann gezielt vom Empfänger eingesetzt werden, um zum Beispiel einen Konflikt zu provozieren oder den Sender der Nachricht ins Leere laufen zu lassen. Vor allem die Betonung der Selbstausdrucks-Seite auf Kosten der anderen drei Seiten (also der Sachseite, der Beziehungsseite und der Appellseite) kann leicht als bewusstes Machtinstrument in Gesprächen missbraucht werden, um sich gegen Kritik zu immunisieren, z.B. wenn jemand sagt: „Wie kannst du es wagen, zu behaupten, ich wäre immer unpünktlich? Wer mit 45 noch Micky Maus-Comics liest, sollte erst mal erwachsen werden, bevor er andere kritisiert!“ Hier wird eine biographische Information, mit der der Sender etwas über seine Persönlichkeit aussagt, die aber nichts mit dem aktuellen Gespräch zu tun hat, absichtlich ins Spiel gebracht, um vom wahren Inhalt der Botschaft abzulenken. Auch ein absichtliches Unterstellen falscher Motive zielt in dieselbe Richtung, nach dem Motto: „Was, du magst meinen Schokoladenkuchen nicht? Das sagst du doch nur, weil du in der Schule immer gemobbt wurdest und dich jetzt an irgendeinem völlig Unschuldigen dafür rächen willst!“ Der möglicherweise gänzlich harmlose Appell „Lass uns doch das nächste Mal Zitronenkuchen essen!“ wird umgedeutet in einen ungerechtfertigten Angriff, den der Empfänger postwendend zum Sender zurückschmettert, und die eigentliche Botschaft bleibt unbeachtet.

Diesen Mechanismus der Verwechslung der Ebenen kann ein Autor in vielen Dialogen zwischen seinen Figuren einsetzen, um – entsprechend der jeweiligen Persönlichkeit der Figuren – Konflikte zu verschärfen, aber auch, um Entwicklungsprozesse von Figuren auf eine konstruktive Weise voranzubringen, indem z.B. biographisch angelegte Konflikte offener zur Sprache kommen. Wenn etwa ein Bruder zum anderen sagt: „Du willst, dass ich dir einen Keks gebe? Hol dir deinen verdammten Keks doch selbst! Deine Arroganz ist mal wieder typisch! Aber du bist ja immer von unserem Vater vorgezogen worden und durftest mit ihm zum Holzhacken in den Wald, während ich zu Hause bei Mutter bleiben musste. Du hast immer deinen Willen bekommen!“, könnte der andere Bruder entgegnen: „Was, du glaubst, Vater hätte mich vorgezogen? Ich habe das Holzhacken mit ihm gehasst! Nie war ich ihm gut genug. Aber als ältester Sohn sollte ja unbedingt ich sein Geschäft übernehmen. Du durftest immer bei Mutter bleiben. Wie sehr ich dich darum beneidet habe!“ In diesem Beispiel führt die Verwechslung bzw. einseitige Gewichtung der Ebenen durch den Empfänger (vom schlichten Appell: „Gib mir einen Keks!“ zu massiv negativ wahrgenommenen Selbstausdrucks- und Beziehungsbotschaften, die der eine Bruder glaubt, aus den Worten des anderen herausgehört zu haben) dazu, dass seit langer Zeit verkrustete biographische Konflikte zwischen den Brüdern aufbrechen und sich auf eine Lösung hin entwickeln können.

Viele Menschen haben aufgrund ihrer individuellen biographischen Erfahrungen solche einseitigen Empfangsgewohnheiten ausgebildet, die ihnen oft kaum oder gar nicht bewusst sind und die ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten auf eine bestimmte Weise beeinflussen. So könnte ein Mensch, der aufgrund seiner früheren Erlebnisse Angst vor seinen Gefühlen und dem Gefühlsausdruck anderer entwickelt hat, es vorziehen, an ihn gerichtete Botschaften überwiegend auf der Sachseite wahrzunehmen und alle darin möglicherweise enthaltenen emotionalen Selbstausdrucks- und Beziehungsanteile auf Seiten seines Gesprächspartners mehr oder weniger aktiv herauszufiltern und unbeachtet zu lassen. Eine solche einseitige Gewichtung würde natürlich fast zwangsläufig zu Konflikten mit seiner sozialen Umwelt führen, die man als Autor – wäre es eine Romanfigur – für seine Geschichte nutzbar machen kann. Ein schüchterner und sehr an seinem Selbstwert zweifelnder Mensch mag demgegenüber vielleicht die Beziehungsseite oder die Appellseite an ihn gerichteter Nachrichten überbetonen und fehldeuten, etwa wenn sein Gesprächspartner sagt: „Ist das kalt heute!“ (was erst einmal ein reiner Selbstausdruck der Empfindungen des Senders ist und überhaupt nichts mit dem Empfänger zu tun haben muss) und er aus Furcht, sonst unbeliebt zu sein, sofort aufspringt, um ihm eine Decke zu holen. Auch diese unausgewogene Empfangsgewohnheit würde sowohl bei einem Menschen als auch bei einer Romanfigur zu bestimmten Arten von zwischenmenschlichen Konflikten führen, die ein immer wiederkehrendes Muster bilden würden, das sich als konflikthafter biographischer roter Faden durch Dialoge und Szenen zieht. Gerade einseitige Empfangsgewohnheiten auf der Beziehungsseite zeigen sich oft in vermeintlich negativen Aussagen zur eigenen Person, die der Empfänger vom Sender zu bekommen glaubt, da eine überbetonte Beziehungsseite beim Wahrnehmen von Botschaften und ein geringes Selbstbewusstsein oft Hand in Hand gehen (obwohl natürlich auch das Gegenteil möglich ist), etwa wenn im Restaurant der eine Gesprächspartner zum anderen sagt: „Schau dir das mal an! Die Pizza, die ich bestellt habe, ist ja total angebrannt!“ und der andere sofort denkt, dass sein Freund böse auf ihn ist, weil er so dumm war, dieses miese Restaurant auszusuchen.

Bei Figuren in einem Roman ist es außerordentlich wichtig, solche einseitigen Empfangsgewohnheiten und daraus resultierenden Fehlinterpretationen auf eine plausible Weise mit der Biographie der entsprechenden Figur zu verknüpfen. Spezielle Erlebnisse positiver und negativer Art im Lauf des Lebens führen dazu, dass ein Mensch – und daher auch eine Romanfigur – bestimmte Überzeugungen von sich selbst und seinem Verhältnis zu seiner Umwelt bildet, und diese Überzeugungen wiederum sind der Grund für eine verzerrte Wahrnehmung empfangener Botschaften auf der Selbstausdrucks-, Beziehungs-, Sach- oder Appellseite. Auch eine Figur, die die Äußerungen anderer Figuren absichtlich falsch versteht, obwohl sie sie durchaus so empfängt, wie der Sender es beabsichtigt hatte, muss auf jeden Fall biographisch gut motiviert sein, damit ein solches Verhalten nicht zum reinen Selbstzweck wird und nur dazu dient, ohne Sinn und Verstand Konflikte zu erzeugen. Wahrnehmungsfehler und Fehlinterpretationen in Dialogen, die auf eine glaubwürdige Weise im biographischen Background und der Persönlichkeit einer Figur wurzeln, sind dagegen ein nahezu unerschöpflicher Quell an Möglichkeiten, Figuren konflikthaft aneinander geraten zu lassen.

 

Aufgabe: Denken Sie sich eine Figur aus, die auf eine bestimmte Weise zu einseitigen Empfangsgewohnheiten in Gesprächen neigt. Überlegen Sie anschließend, was für biographische Erfahrungen diese Figur dazu gebracht haben könnten, diese einseitigen Fehlwahrnehmungen auszubilden.

 

Ziel: Jede Romanfigur folgt in ihrem Gesprächsverhalten bestimmten kommunikativen Mustern, die in ihren biographischen Erlebnissen gründen. Über solche Muster eine größere Bewusstheit zu erlangen und sie sinnhaft in der Psychologie der jeweiligen Figur zu verorten, ist das Ziel dieser Übung.
02.07.2015 um 10:45 von Susanne Gavénis
Kategorie: Artikel