Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein – nach „Shai’lanhal“ ist „Die schwarze Quelle“ mein zweiter Roman, in dem die Figuren über die Kräfte des Windes, des Feuers, des Wassers und der Erde gebieten. Was macht für den Leser von Fantasy-Romanen (oder für den Zuschauer, wenn es sich um einen Film handelt) den besonderen Reiz gerade dieser speziellen Spielart der Magie aus? Dies hat, soweit ich sehen kann, mehrere Gründe.

Zum einen ist eine Magie, die auf der Beherrschung der vier Elemente gründet, auf eine viel intimere Weise mit dem Leben und den natürlichen Lebensbedingungen des Menschen verbunden als jede andere Form der Zauberei. Die Erde, das Wasser, die Luft und die Wärme des Feuers und der Sonne sind die Grundlage, die jegliches Leben überhaupt erst möglich macht. Sie sind in jeder einzelnen Sekunde ein unauslöschlicher Teil der körperlichen Existenz des Menschen, fließen durch ihn hindurch, nähren und erhalten ihn – oder können ihn auch zerstören. Diese fundamentale Abhängigkeit des Menschen von den Elementen ist etwas, das schon immer zugleich fasziniert und Angst gemacht hat, und die Versuche, die elementaren Kräfte der Natur mit Hilfe magischer Praktiken zu beherrschen und zu kontrollieren, sind so alt wie die Menschheit selbst.

Zum anderen wohnt den Elementen und ihrer magischen Manipulation durch diese existentielle Ursprünglichkeit eine archaische und beinahe archetypische Qualität inne, die ihre Wirkung auf einer tieferen emotionalen und psychischen Ebene entfaltet, als dies bei anderen und diesem archetypischen Kern ferneren Ausdrucksformen der Magie in Fantasy-Geschichten der Fall ist. Ein Magier, der aus dem Nichts eine Flammenwand emporlodern lassen oder die tosenden Wogen eines Meeres mit einer einzigen Handbewegung dazu bringen kann, vor ihm zurückzuweichen, hat direkten Zugriff auf die Schöpfungskraft selbst, während ein Magier, der einem grunzenden Troll mit einem schadenfrohen Grinsen ein Paar Kaninchenohren an den plumpen Schädel zaubert oder die Fähigkeit besitzt, die Sprache der Vögel und Eichhörnchen zu verstehen, sich zwar unseres Staunens als Leser gewiss sein kann, aber nicht im selben Maße das Gefühl in uns hervorruft, gerade Zeuge von etwas Größerem, Bedeutsameren geworden zu sein, das über die profane – auch magisch manipulierbare – Realität hinausreicht und auf eine andere Art als gewöhnliche Magie von Macht durchdrungen ist. Der Erfolg solcher Geschichten wie „Avatar – Herr der Elemente“ (die Zeichentrick-Serie, nicht der Film) geht in meinen Augen – neben der sehr guten Story, die erzählt wird – auch auf diese tiefere emotionale Wirkung der Elementmagie zurück. Jeder, der miterlebt hat, wie sich im finalen Endkampf die Hauptfiguren zu getragener orchestraler Musik minutenlang ein magisches Duell auf Leben und Tod liefern, wird, denke ich, verstehen, was ich meine.

Auf der Ebene der Storykonzeption hat die Elementmagie darüber hinaus den großen Vorteil, dass sie für den Autor handhabbar und für den Leser einschätzbar ist. Eines der zentralen Prinzipien einer guten Figurenkonzeption ist es, die Fähigkeiten einer Figur für den Leser transparent zu gestalten. Dies ist auch ein wichtiger Aspekt, wenn es darum geht, Spannung in einer Geschichte zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Weiß man als Leser niemals genau, was für Stärken und Schwächen eine Figur nun genau besitzt, kann man auch nicht einschätzen, ob eine scheinbare Gefahrensituation überhaupt eine Bedrohung für sie darstellt oder ob sie nicht plötzlich mit einem gelangweilten Gähnen einen spektakulären magischen Trick aus dem Hut zaubert, mit dem sie ihren Hals – der offenbar niemals wirklich in Gefahr war – lässig wieder aus der Schlinge zieht. Eine Figur – bzw., um bei unserem Thema zu bleiben, ein Magier -, die alles kann, weil der Autor es versäumt hat, ihren Fähigkeiten klare Grenzen zu setzen, ist jedoch der Tod jeder interessanten und spannenden Geschichte.

Dieser Umstand wird noch dadurch verschärft, dass der Autor ein ordentliches Plausibilitätsproblem bekommt, wenn er seinen scheinbar allmächtigen Magier doch einmal in ernsthafte Schwierigkeiten geraten lässt, durch die – dramatisch! – mit einem Mal sogar sein Leben auf dem Spiel steht. Hat sich dieser Magier in früheren brenzligen Situationen jedoch damit aus der Affäre gezogen, dass er sich z.B. einmal in eine Maus verwandelt hat, um durch eine Mauerritze aus einem Verlies zu entkommen, hat er ein anderes Mal einen Berg über einer anrückenden Ork-Armee einstürzen lassen und ein drittes Mal das sinistre Komplott des Bösewichts dadurch aufgedeckt, indem er durch zehn Backsteinmauern hindurch jedes Wort belauscht, das sich die Verschwörer in ihrem Geheimversteck ins Ohr flüstern, dann ist dem Leser nicht verständlich zu machen, warum er plötzlich nicht bemerkt, wie sich sein Gegenspieler in aller Ruhe von hinten an ihn heranschleicht und ihn überwältigt, und warum er es nicht fertig bringt, sich von seinen Fesseln zu befreien, mit denen er auf dem Heuwagen festgebunden ist, der führerlos auf einen Abgrund zurast (oder den Heuwagen anderweitig zu stoppen).

Die Gefahr, dass eine Figur grundlos unter den Möglichkeiten bleibt, die sie aufgrund ihrer Fähigkeiten eigentlich haben müsste, existiert natürlich immer, und jeder Autor tut gut daran, sich ihrer stets bewusst zu sein. Die Elementmagie bietet ein natürliches Regulativ gegenüber einer solchen Beliebigkeit und Unvorhersehbarkeit im Handeln einer Figur. Verfügt eine Figur über die Fähigkeit, ein bestimmtes Element zu kontrollieren (Erde, Feuer, Wasser, Luft oder – wie im Fall der Elfen aus der „Schwarzen Quelle“ – die Heilung von Lebewesen und das Wachstum von Pflanzen), so sind die Grenzen ihrer Magie dadurch einerseits eindeutig definiert, andererseits bleibt ihr aber immer noch ein großer Spielraum, um kreative Lösungen für Probleme oder Gefahrensituationen zu finden, die die Leser überraschen können (was natürlich ebenfalls sehr wichtig ist).

Ob ein Luftmagier nun einen kleinen Tornado entstehen lässt, um die auf ihn zustürmende Wildsau einfach aus dem Weg zu pusten, ob er mit einem kraftvollen Windstoß einen Baum entwurzelt, der der Sau als Barriere vor die Füße fällt, oder ob er ihr brutal die Luft aus den Lungen saugt und sie bewusstlos zusammenbrechen lässt (oder noch viele andere Dinge mehr, die ihm und dem Autor gerade einfallen), ist dabei gleichgültig. Solange sich die gefundene Lösung innerhalb der Grenzen der Möglichkeiten bewegt, die der Autor für den Ausdruck dieser Magie festgelegt hat, wird der Leser vielleicht verblüfft, aber nicht verärgert oder gar befremdet darauf reagieren, und er wird nicht das Gefühl haben, vom Autor für dumm verkauft worden zu sein.

Hätte der Magier die arme Sau dagegen mit einer gezielten Flammengarbe in einen Schmorbraten verwandelt, statt sie, getragen auf den sanften Schwingen des Windes, in den nächsten Baumwipfel zu befördern, hätte er die Gesetze der Luftmagie verletzt und wäre von einer Sekunde zur anderen zum Feuermagier mutiert. Einen derartigen Bruch mit den als gültig vorausgesetzten magischen Spielregeln würde der Leser vermutlich eher mit einem ungläubigen Stirnrunzeln quittieren, statt sich darüber zu freuen.

Verbindet man all diese Vorzüge der Elementmagie schließlich noch mit einer konflikthaften Ausgangssituation für den Protagonisten – etwa ein Feuermagier, der sich vor der zerstörerischen Seite seiner Magie fürchtet und lieber ein Wassermagier wäre -, hat man ein hervorragendes Material, um mit relativ wenig konzeptionellem Aufwand die Grundlagen für eine interessante Geschichte festzuzurren. Natürlich sind die unterschiedlichsten Arten von inneren und äußeren Konflikten auch mit anderen Formen der Magie als der Elementmagie möglich, aber gerade aufgrund ihrer klaren Regeln und Gesetzmäßigkeiten ist die Elementmagie für eine konflikthafte Figurenkonzeption und die glaubwürdige Auflösung von Gefahrensituationen im Verlauf der Handlung besonders gut geeignet.

Vor allem bei sehr magielastigen Fantasy-Romanen ist das Risiko groß, dass diese Magie zu einem Storykiller wird, wenn ihre Möglichkeiten und Grenzen vom Autor nicht gut genug ausgearbeitet werden. Ein klar konzipierter Feuer- oder Wassermagier ist mir deshalb allemal lieber als ein geheimnisvoller Gandalf, der zwar alles irgendwie zu können scheint, in Momenten, in denen es wirklich darauf ankäme, seinen Zauberstab jedoch lieber als gewöhnlichen Knüppel gebraucht, statt als der mächtige Magier zu agieren, als der er sich in früheren Bedrohungslagen ja bereits oft genug erfolgreich geriert hat. Gerade für den Einsatz von Magie in Fantasy-Geschichten gilt daher die alte Weisheit, dass weniger (dafür aber transparenter und einschätzbarer für den Leser) ganz entschieden mehr ist.
11.06.2017 um 09:19 von Susanne Gavénis
Kategorie: Die schwarze Quelle