Der große Moment für einen Autor ist gekommen – er setzt ein dickes Ende unter seine Geschichte. Seine Helden sind mutig in die letzte Schlacht gezogen, haben dem Bösewicht ordentlich in den Hintern getreten (oder – was natürlich auch passieren kann – haben von ihm eine deftige Abreibung bekommen), und nun soll auch der Rest der Welt von ihren Abenteuern erfahren. Mit anderen Worten – der Roman wird veröffentlicht.

Zuvor steht der Autor jedoch vor der heiklen Aufgabe, den potenziellen Lesern seine Geschichte, die er selbst natürlich in- und auswendig kennt, schmackhaft zu machen. Die große Herausforderung ist dabei, durch eine Inhaltsbeschreibung zum einen Neugier beim Leser zu wecken und zum anderen die Handlung so knapp zusammenzufassen, dass der Leser dadurch nicht verwirrt wird.

Würde man versuchen, alle wichtigen Ereignisse der Geschichte in den Klappentext hineinzuquetschen, damit der Leser auch wirklich erkennt, was für einen tollen und spannenden Roman er da in den Händen hält, hätte man vom Umfang her schnell einen neuen Roman geschrieben, und ein derart aufgeblähter Klappentext würde nicht neugierig machen, sondern sehr schnell ermüden. Ein Klappentext darf nicht selbst wieder ein Buch sein, sondern hat nur die Aufgabe, die Wahrnehmung sozusagen wie mit großen Leuchtbuchstaben auf ein Buch bzw. eine Geschichte hinzulenken.

Formuliert man diesen Klappentext andererseits jedoch allzu knapp, besteht die Gefahr, dass die Leser gar nicht begreifen, worum es in der Geschichte überhaupt gehen soll, und sich statt Neugier lediglich Ratlosigkeit breitmacht. Und auf Ratlosigkeit folgt Desinteresse – was für den Verkaufserfolg eines Romans natürlich eher kontraproduktiv ist.

Der Autor ist also gezwungen, sich genau zu überlegen, was den inhaltlichen Kern seiner Geschichte ausmacht. Er muss gewissermaßen das Skelett, das allen Ereignissen des Romans Struktur und Form verleiht, von dem Fleisch trennen, das zwar durchaus schmackhaft sein kann, aber zum Verständnis der Geschichte nicht unmittelbar notwendig ist. Will er einen zugleich knappen und aussagekräftigen Klappentext formulieren, muss er eine Antwort auf die Frage finden, was der rote Faden seiner Geschichte ist, der sich von der ersten Zeile bis zur letzten durch die Handlung zieht.

Sinnvollerweise sollte ein Autor diesen roten Faden bereits kennen, bevor er mit dem Schreiben seiner Geschichte beginnt. Der Klappentext – der ja ganz am Ende der Arbeit an einem Roman steht – schlägt auf diese Weise eine Brücke zum Beginn, nämlich zur Planungs- und Konzeptionsphase, in der sich der Autor schließlich entscheidet, wer die Protagonisten der Geschichte sein sollen und auf welche Weise sie durch die Ereignisse, die im Verlauf der Handlung auf sie einwirken, verändert werden. Diese Entscheidungen legen zugleich fest, was viele Monate später in den Klappentext hineingehört und was draußen bleiben muss.

Einige Leser meiner Romane haben mich gefragt, warum ich bei meinen Klappentexten immer die zweite Hauptfigur unter den Tisch fallen lasse. Bei „Shai’lanhal“ wird im Klappentext mit keinem Wort erwähnt, dass meinem Protagonisten Shaan mit Deleja eine weitere zentrale Figur zur Seite steht. Bei der „Gwailor-Chronik“ geht es im Klappentext lediglich um das Schicksal von Prinz Dayin, aber die sympathische und mutige Prinzessin Lilell aus dem Nachbarkönigreich wird totgeschwiegen, obwohl auch sie für die Handlung der Geschichte unverzichtbar ist. Gleiches gilt für die „Schwarze Quelle“. Protagonist Vian erhält von mir im Klappentext die volle Aufmerksamkeit, während die zweite Hauptfigur Lerith abermals nicht zu existieren scheint.

Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass ich meinen männlichen Protagonisten deutlich mehr zugetan bin als meinen weiblichen und die Mädel in meinen Geschichten ungerecht und stiefmütterlich behandle. Ich versichere an dieser Stelle, dass das Gegenteil der Fall ist. In all meinen Romanen mochte ich die weiblichen Hauptfiguren genauso gern wie die männlichen. Warum aber tauchen Deleja, Lilell und Lerith dann nicht auch in meinen Klappentexten auf?

Die Antwort auf diese Frage hängt mit etwas zusammen, das in Schreibratgebern „Prämisse“ genannt wird. Eine Prämisse ist dabei nichts anderes als der oben erwähnte rote Faden, der einer Geschichte ihre sinnhafte Struktur gibt. Mit Hilfe einer Prämisse legt ein Autor fest, worin der zentrale Konflikt des Protagonisten bestehen soll und wie die Entwicklung aussieht, die er im Laufe der Handlung vollzieht.

Eine solche Prämisse besteht in der Regel nur aus einem einzigen Satz, z.B. „Vertrauen in sich selbst führt zum Erfolg“ oder „Das Akzeptieren der eigenen Identität führt zum Glück“ oder „Eifersucht führt in die Selbstzerstörung“ oder „Das egoistische Verfolgen eigener Ziele führt zur Weltherrschaft“ usw. Zentrales Element einer Prämisse ist stets ein bestimmter Aspekt der Hauptfigur, der über konflikthafte Ereignisse schließlich zu einem bestimmten psychischen und emotionalen Endzustand des Protagonisten hinführt.

Auch wenn jede wichtige Figur eines Romans idealerweise ihre eigene Prämisse besitzen sollte, muss sich ein Autor vor Beginn seines Schreibens entscheiden, welche Prämisse welcher Figur zum roten Faden bzw. zum inhaltlichen Skelett seiner Geschichte werden soll. Auch wenn es in dieser Geschichte noch weitere bedeutsame Hauptfiguren gibt, ist es doch die Prämisse der zentralen Hauptfigur, die den Gang der Ereignisse bestimmt.

Dies zeigt sich bereits daran, dass der Autor seine Geschichte mit Szenen beginnt, in denen die eigentliche Hauptfigur mit ihrem zentralen Konflikt (d.h. mit ihrer Prämisse) in die Handlung eingeführt wird, während andere wichtige Hauptfiguren erst danach eingeführt werden. „Shai’lanhal“ beginnt mit der Einführung von Shaan, während Deleja erst mehrere Kapitel später in der Geschichte auftaucht. In der „Gwailor-Chronik“ beginnt jeder neue Zeitabschnitt nach einem Zeitsprung mit Dayins Kapiteln, während die Erlebnisse Lilells erst danach kommen. Auch die „Schwarze Quelle“ beginnt nach dem Prolog mit Bösewicht Balarot mit der Einführung Vians und seinen Konflikten, während Lerith und ihre Probleme erst zu einem späteren Zeitpunkt thematisiert werden.

Die Geschichten beginnen jeweils mit dem Hauptprotagonisten, da es seine Prämisse ist, die bestimmend für die Handlung ist, während die anderen Hauptfiguren erst später dazu stoßen und ihre eigene Prämisse mit der Prämisse der zentralen Hauptfigur verflechten. Doch die Richtung gibt stets die Prämisse der zentralen Hauptfigur vor. Dies ist eine unbedingte Notwendigkeit bei der Konzeption von Romanen.

Für den Klappentext bedeutet das, dass man sich bei seiner Formulierung ausschließlich auf den roten Faden konzentrieren sollte, der von der Hauptprämisse des zentralen Protagonisten gebildet wird. Andere Protagonisten – auch wenn sie noch so wichtig oder sympathisch sind – sind in diesem Fall vernachlässigbar. Natürlich kann man theoretisch auch andere wichtige Figuren in einem Klappentext erwähnen, ich denke jedoch, dass dadurch die Prägnanz und die inhaltliche Geschlossenheit des Klappentextes verwässert werden würden.

Einen Klappentext zu formulieren ist in der Regel harte Arbeit, und auszuwählen, was hinein soll und was draußen bleiben muss, ist zuweilen durchaus schmerzlich für einen Autor. Die Arbeit mit einer Prämisse erleichtert diesen Prozess, weil sie dem Autor Entscheidungskriterien an die Hand gibt, mit deren Hilfe er eine begründete Wahl treffen kann, welche Elemente der Handlung für eine Inhaltsbeschreibung relevant sind und welche nicht. Was für den Klappentext gilt, gilt in ebensolcher Weise auch für das Verfassen eines Exposés. Aber das ist wieder eine andere Geschichte und würde an dieser Stelle zu weit führen.

Als Fazit kann ich aus vollem Herzen sagen, dass mir meine weiblichen Hauptfiguren genauso ans Herz gewachsen sind wie meine männlichen. Sie hatten lediglich das Pech, dass die Geschichten, die ich bisher erzählt habe, in meinen Augen mit einer männlichen Figur als zentralem Protagonisten besser funktioniert haben als mit einem weiblichen. Wer Lust hat, kann das gern selbst einmal nachprüfen, indem er sich vorstellt, Shaan, Dayin und Vian wären Mädel gewesen oder wie die Geschichten wirken würden, hätte ich Delejas, Lilells und Leriths Handlungsabschnitten in der Abfolge der Ereignisse jeweils den Vorzug vor denen der männlichen Hauptfiguren gegeben. Ich denke, das hätte einfach nicht gepasst. Aber wer weiß – vielleicht schreibe ich ja irgendwann mal eine Geschichte, in der die Prämisse eines Mädels tonangebend ist. Dann würden auch die Männer im Klappentext keinen Stich machen.
19.08.2017 um 09:54 von Susanne Gavénis
Kategorie: Die schwarze Quelle