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Die Cover-Bilder der Gwailor-Chronik

fallen angeldark kingZu meinem Glück lässt mir mein Verlag bei der Auswahl der Coverbilder freie Hand, daher kann ich ganz nach meinem Gutdünken die Bilder aussuchen, und der Verlag kümmert sich um die Rechte. Für mich ist das ein tolles Arrangement, da ich doch recht klare Vorstellungen habe, welche Kriterien ein Coverbild erfüllen sollte.

Zum einen muss es meinen Sinn für Ästhetik ansprechen, und da dieses Empfinden höchst subjektiv ist, kommt mir die freie Auswahl natürlich sehr entgegen. Am besten ist es, wenn ich beim ersten Ansehen des Bildes spontan begeistert bin.

Das zweite Kriterium ist etwas schwieriger zu erfüllen, denn immerhin soll das Cover die Geschichte nach außen hin angemessen repräsentieren, und daher achte ich bei den Bildern immer auch darauf, ob die Grundstimmung, die dem Roman zu Grunde liegt, beim Betrachten des Bildes zu spüren ist. Der Betrachter soll direkt erkennen können, welche Gefühle den Protagonisten am meisten beschäftigen oder welchen Hindernissen er sich in erster Linie gegenübersehen wird.

Bei Mehrteilern wie der Gwailor-Chronik und auch dem Gambler-Zyklus kommt noch ein weiteres Kriterium hinzu: Alle Cover sollen stilistisch zueinander passen, daher versuche ich in solchen Fällen, alle Bilder vom gleichen Künstler zu nehmen.

Die beiden Coverbilder der Gwailor-Chronik erfüllen für mich alle drei Kriterien, denn sie sehen meiner Meinung nach toll aus und stammen beide von dem kroatischen Künstler Dusan Kostic. Außerdem transportieren sie wirklich gut die Stimmung der beiden Bücher.

Im ersten Band der Gwailor-Chronik „Im Schatten der Prophezeiung“ entsteht aufgrund der düsteren Worte der Seherin eine beständige Bedrohung für Prinz Dayins Leben, und diese Bedrohung wird durch die dunkle Gestalt, die das Schwert zum Schlag bereit in der Hand hält, sehr schön repräsentiert. Zudem wirkt die Figur nicht wie ein realer Angreifer, sondern eher wie ein mystischer Todesengel, was gut passt, weil es nicht nur eine einzelne Person ist, die Dayin nach dem Leben trachtet, sondern ein ganzes Volk, daher lauert der Tod für ihn buchstäblich hinter jeder Hausecke – oder besser, in jedem Schatten. Die dunklen Farben des Bildes unterstreichen zudem gut Dayins vorherrschendes Lebensgefühl – er spürt den Hauch des Todes quasi schon im Nacken, so als würde der im Cover abgebildete Todesengel direkt hinter ihm schweben und ihn überall hin verfolgen, ohne dass er ihm je entkommen könnte.

„Schicksalspfade“, der zweite Band der Gwailor-Chronik, konfrontiert Dayin dagegen vor allem mit den Anfeindungen seines Bruders, der nichts unversucht lässt, um Dayin zu ermorden. Gerrent, der mittlerweile zum König gekrönt wurde, erscheint dabei wie ein Gefäß für die Ablehnung, die Dayin von allen Seiten entgegengebracht wird. Sie konzentriert sich in ihm und bringt einen unstillbaren Hass hervor, der Gerrent zunehmend unmenschlicher werden lässt. Daher erschien mir das Bild mit dem gesichtslosen, dämonisch anmutenden König äußerst passend, denn Gerrent verliert in seinem Zorn immer mehr an Individualität, gleichzeitig gehen ihm menschliche Eigenschaften wie Mitgefühl und Güte nun endgültig verloren. Außerdem symbolisieren der Speer in der Hand des Königs und die gesamte Gestaltung des Thronsaals sehr gut die irrsinnige Kriegslust, die Gerrent überkommt und ihn zu einem grausamen Dämon werden lässt, der alle vernichten will, die ihm im Weg stehen.

Über Prophezeiungen und Protagonisten

fallen angeldark kingDie Prophezeiung ist ohne Zweifel ein äußerst beliebtes Element in der Fantasy-Literatur. Die Art, wie sie von vielen Autoren in ihren Geschichten verwendet wird, folgt dabei oft einem ganz bestimmten Muster, das sich – auch wenn es dort letztlich keine ursächliche Prophezeiung gegeben hat – bis zu Tolkiens „Herr der Ringe“ zurückverfolgen lässt. In der Regel wird der Hauptfigur durch einen Seher, eine geheimnisvolle Schriftrolle aus uralter Zeit oder einen sonstigen kryptischen Umstand kund getan, dass allein sie vom Schicksal oder den Göttern auserkoren worden sei, das aus äonenlangem Schlummer wiedererwachte Böse endgültig niederzuringen und der Menschheit ein neues Zeitalter des Lichts zu schenken. Dummerweise ist diese finstere Bedrohung, die sich gerade anschickt, von Neuem ihre gierigen Tentakel nach den Menschen auszustrecken, nicht an der nächsten Straßenecke zu finden, sondern – wie könnte es anders sein – am anderen Ende der Welt. Was nun getan werden muss, ist klar.

Der Kern dieser Geschichten ist im Grunde weniger die Prophezeiung selbst – die lediglich den Startschuss liefert und den Helden motiviert, sich überhaupt in Bewegung zu setzen -, sondern die Reise, die der Protagonist antreten muss, um zu seinem vom Orakel geweissagten Bestimmungsort zu gelangen. Auf dieser Reise – die er oft zusammen mit einer ganzen Gruppe wagemutiger Abenteurer unternimmt – müssen viele Gefahren gemeistert werden, Überfälle von Räubern, Monstern aller Art und der Kampf gegen eine unwirtliche Natur sind an der Tagesordnung, bis der Held schließlich seiner von der Prophezeiung bereits zu Beginn festgelegten Nemesis gegenübersteht.

Bei all diesen Abenteuern und Hindernissen, die sich dem Protagonisten in den Weg stellen, bleibt die Prophezeiung als solche jedoch meist etwas Fernes und Äußerliches für ihn, das für seine Persönlichkeit nicht viel mehr Bedeutung hat als irgendeine unangenehme Aufgabe, die ihm von oben aufs Auge gedrückt wurde und die er nun mehr oder weniger Zähne knirschend abarbeiten muss. Wenn sich die Hauptfigur im Verlauf der Handlung verändert, dann geschieht dies mehr durch eine Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten auf dem Weg zum prophezeiten Endkampf als durch die Existenz der Prophezeiung selbst, und man hat als Leser oft das Gefühl, dass die Geschichte mit einem anderen Protagonisten genauso gut funktioniert hätte und es letztlich gleichgültig war, wer nun am Ende die Prophezeiung erfüllt.

Diese Art von Geschichten hat mich nie wirklich gefesselt. Als Autor hat mich mehr die Frage fasziniert, wie es ist, wenn eine Figur eine Prophezeiung nicht bloß als lästige Pflicht empfindet, die sie in eine Reihe zwar unterhaltsamer, am Ende aber mehr oder weniger beliebiger und austauschbarer Abenteuer zwingt, sondern wenn diese Figur durch die Prophezeiung im Kern ihres gesamten Wesens verändert wird. Dieser Frage bin ich – in jeweils unterschiedlicher Ausrichtung – sowohl in „Shaans Bürde“ als auch in der „Gwailor-Chronik“ nachgegangen. Zwar wird auch Shaan und Dayin ihre Prophezeiung von einer äußeren Macht übergestülpt, ohne dass sie dabei eine Wahl oder Einflussmöglichkeiten gehabt hätten, doch geschieht dies auf eine Weise, die ihre jeweilige Persönlichkeit einer fundamentalen Veränderung unterwirft. Die Prophezeiung wird hier zu einem geradezu intimen Bestandteil ihres Charakters und ihres Lebens, der ihr gesamtes Denken, Fühlen und Handeln von Geburt an beherrscht und allen ihren Erfahrungen eine bestimmte Färbung und Signatur verleiht. Weder für Shaan, der durch die Erziehung seines verbitterten und hasserfüllten Vaters seelisch beinahe gebrochen worden ist, noch für Dayin, der bereits als Kind daran zweifelt, ob nicht ein kaltblütiger Mörder in ihm steckt, ist die Prophezeiung, die sie gefangen hält, etwas Äußeres. Sie werden gezwungen, mit ihrem gesamten Sein eine Antwort darauf zu finden, und bei beiden ist es nicht damit getan, die Prophezeiung lediglich zu erfüllen oder ihr Eintreffen zu verhindern, denn egal ob sie am Ende scheitern oder erfolgreich sind, so werden sie doch niemals wissen, was sie für ein Mensch hätten werden können, wenn es die Worte der Seherin oder den verborgenen Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen nicht gegeben hätte. Die Prophezeiungen haben sie dauerhaft und unwiderruflich traumatisiert, und mit diesen Traumatisierungen müssen sie jeden Tag aufs Neue umgehen, und das, lange bevor und nachdem sie am Ende ihrer Geschichten ihre jeweilige persönliche Begegnung mit dem Schicksal erleben.

Das ist eine Sichtweise, die mich als Autor viel mehr interessiert als unzählige Heldenreisen kreuz und quer durch die Welt, die oft tausende von Buchseiten füllen – der Blick auf das, was eine Prophezeiung in der Seele einer Figur anrichtet und was für Konsequenzen dies für ihr Leben hat, statt farbenfrohe Abenteuer, bei denen die Prophezeiung lediglich ein mehr oder weniger plausibles Alibi für den Protagonisten ist, durch die Gegend zu ziehen und dabei ordentlich auf den Putz zu hauen. Auch das kann seinen Reiz haben und Spaß machen, mein persönlicher Zugang als Autor zu diesem Thema wird jedoch immer ein anderer sein.

Über Prophezeiungen

fallen angeldark kingMit Prophezeiungen ist es wie mit Schrödingers Katze – solange man nicht hineinschaut, weiß man nie, was in der Kiste ist. Wird einem ein langes und glückliches Leben vorausgesagt, oder lauert der Tod bereits hinter der nächsten Ecke? Die Antwort auf diese Fragen hat die Menschen von je her fasziniert, und viele Propheten und Zukunftsseher haben versucht, mit der Kraft ihrer visionären Gabe einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und dem Mysterium der Zeit ein paar seiner Geheimnisse zu entlocken – oder es zumindest behauptet.

Sei es das berühmte Orakel von Delphi, dessen schrecklicher Prophezeiung ein junger Mann namens Ödipus verzweifelt zu entfliehen versucht (was ihm am Ende, wie wir alle wissen, eher weniger gut gelingt), oder die kryptischen Visionen eines Nostradamus, deren Deutung viele Gelehrte bis heute beschäftigt – immer geht es darum, ein Licht zu entzünden und den Weg zu erhellen, der vor einem in die Dunkelheit führt, um vielleicht auf diese Weise einigen seiner Gefahren und Fallstricke entgehen zu können, die den unwissenden Wanderer ansonsten unwiderruflich zu Boden gestreckt hätten.

Doch mit jeder Prophezeiung, egal wie behutsam oder mit wie viel Absolutheitsanspruch sie auch verkündet werden mag, ist untrennbar verbunden die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Erblickt der Prophet eine Zukunft, in der die Ereignisse, die einem Menschen widerfahren, bereits seit dem Moment seiner Geburt wie die Schauspieler in einem Theaterstück darauf warten, zum richtigen Zeitpunkt hinaus auf die Bühne zu treten, oder werden durch die Prophezeiung die Weichen gestellt, die diese Ereignisse überhaupt erst möglich machen? Denn ist eine Prophezeiung erst einmal ausgesprochen, wird sie zu einem Teil des Lebens eines Menschen, und er wird gezwungen, in irgendeiner Form darauf zu reagieren. Was er aber auch immer damit zu tun gedenkt – ob er sie in den hintersten Winkel seines Bewusstseins verbannt oder all seine Kraft darin investiert, sie zu verhindern oder Wirklichkeit werden zu lassen - , eines kann er nicht vermeiden: Die Worte des Sehers oder Orakels haben ihn verändert, haben sein Denken, Fühlen und Handeln auf eine Weise beeinflusst, die etwas Neues in sein Leben gebracht hat, was es ohne sie niemals gegeben hätte. Nicht umsonst gibt es in der Psychologie den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung. In seinem verzweifelten Bemühen, einem prophezeiten Unfall zu entgehen, führt ein Mensch durch seine panischen Aktivitäten genau diesen Unfall erst herbei. Was aber war letztlich die Ursache und was die Folge?

Diese Frage berührt einen weiteren Aspekt, der eng mit Prophezeiungen jeder Art verknüpft ist, nämlich das Thema der Willensfreiheit und des Determinismus. Steht das Schicksal eines Menschen bereits von Beginn an unverrückbar fest und arbeitet er die Ereignisse, die ihm auf seinem Lebensweg begegnen, in der Rolle eines letztlich passiven Zuschauers lediglich Schritt für Schritt ab, ohne sie jedoch selbst verändern oder ihnen ausweichen zu können, oder ist jeder selbst seines Glückes Schmied, und einzig die eigene Persönlichkeit und die eigenen Anstrengungen entscheiden darüber, was aus dem unendlichen Feld der Möglichkeiten schließlich Realität wird? Oder sind die Ereignisse als solche zwar vorbestimmt, können aber beeinflusst oder ganz verhindert werden, sobald man um ihr Eintreten in der Zukunft weiß? In einem solchen Fall würden Determinismus und Willensfreiheit Hand in Hand gehen, und die Prophezeiung würde von einem unbarmherzigen Richtspruch der Götter oder des Universums zu einem Werkzeug, das, auf die richtige Weise benutzt, viel Gutes bewirken könnte.

Was aber geschieht, wenn das Eintreffen einer Prophezeiung zwar abgewendet werden kann, die Persönlichkeit des Menschen, dem das Ereignis vorausgesagt wurde, dadurch jedoch in seinen und den Augen aller anderen in einem so verabscheuungswürdigen Licht erscheint, dass sein Leben trotzdem dauerhaft beeinträchtigt ist? So ergeht es Dayin, dem Protagonisten der Gwailor-Chronik, dem bei seiner Geburt geweissagt wird, er werde seinen Vater, den König, als junger Mann heimtückisch ermorden. Eine solche Prophezeiung – gleichgültig, ob sie nun eintritt oder nicht – sagt etwas derart Fundamentales über den Charakter des Menschen aus, der zu einer solchen Heimtücke in der Zukunft fähig sein wird, dass mit dem Abwenden des schrecklichen Ereignisses die Probleme noch lange nicht aufhören. Die Eltern eines solchen Kindes müssen von nun an mit dem Gefühl leben, einen potenziellen Mörder heranwachsen zu sehen, der zusammen mit ihnen unter einem Dach wohnt. Die psychologischen Konsequenzen eines derartigen Wissens sind überhaupt nicht absehbar, in jedem Fall aber für die Beziehung zwischen Eltern und Kind verheerend. Hinzu kommt, dass auch das Kind kaum eine andere Möglichkeit besitzt, als sich dieses Bild, das alle anderen in seiner Umwelt von ihm haben, ebenfalls zu eigen zu machen, vor allem, wenn es in einem Alter damit konfrontiert wird, in dem es darauf angewiesen ist, seine eigene Identität in den Augen seiner Eltern gespiegelt und bestätigt zu sehen.

Die Frage ist, ob es einem Menschen unter diesen Bedingungen überhaupt gelingen kann, ein Gefühl für sich selbst und seine individuelle Wesensart zu entwickeln und gegen die machtvolle Fremddefinition einer Prophezeiung aufrecht zu erhalten, die keinen Zweifel daran lässt, dass er irgendwann zu einem Mörder geworden wäre, auch wenn er im Moment noch selig mit seiner Mutter die Entenküken füttert. Dieses Ringen um Identität und der Kampf gegen Selbstzweifel und innere Zerrissenheit sind das Thema der Geschichte um Prinz Dayin und Prinzessin Lilell. Es ist eine Geschichte, in der die Seherinnen der beiden Königreiche Gwailors über eine absolute und nahezu göttergleiche Macht verfügen, die weder Bauer noch König jemals in Frage stellen. Wie es ist, in eine solche Welt hineingeboren zu werden, in der der Einfluss von Prophezeiungen auf das Leben der Menschen so allgegenwärtig wie bestimmend ist, und dabei trotzdem seine eigene Persönlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren, war die Frage, die mich beim Schreiben der Gwailor-Chronik am meisten fasziniert hat.

Susanne Gavénis

Susanne Gavénis

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